Lat.: Tilia
platyph´yllos Scop./Tilia cordáta Mill., Lindengewächse/Tiliáceae
Charakteristika,
Erkennungsmerkmale
Beide Linden gehören zur Gattung Tilia aus der Familie der Tiliaceae
(Lindengewächse) mit über 40 Arten in den nördlichen gemäßigten
Breiten.
Auf frischen,
tiefgründigen, gut mit Luft versorgten und kalkreichen Böden
erreichen Linden eine Höhe von 40 m. Ihr kurzer, gerader und dicker
Schaft trägt eine von starken und knorrigen Ästen getragene,
tief herabhängende, breit gerundete und dicht geschlossene Krone.
Nach dem 60. Altersjahr, bis zu welchem der Baum nicht sehr schnell gewachsen
ist, reckt er sich rasch in die Höhe, um dann ungefähr nach
150 Jahren sein Höhenwachstum einzustellen. Das Breitenwachstum wird
hingegen weitergeführt. Vom Wachstum der Linde wird gesagt, daß
sie 300 Jahre komme, 300 Jahre stehe und 300 Jahre vergehe.
Die junge Rinde ist glatt, graugrün und mit hellgrauen und enkrecht
gewellten Streifen durchzogen. Dazwischen liegen dunkelbraune Spalten.
Bei alten Bäumen finden wir eine grobe, rissige und dunkelbraune
Borke mit rhombenartiger Zeichnung.
Im Mai oder
Juni beginnen die Linden zu blühen. Die Blüten sind zu 36
in einer gestielten Trugdolde vereinigt. Der Stiel dieses Blütenstandes
ist bis zur Hälfte mit einem häutigen und flügelartigen
Hochblatt
verwachsen. Es dient später dem Fruchtstand als Flugorgan. Die 5
Kelchblätter sind eiförmig, gelblichweiß und 34
mm lang; die 5 Kronenblätter länglich, 58 mm lang und
ebenfalls gelblichweiß. Ein stark
behaarter und oberständiger Fruchtknoten wird von 3040 Staubblättern
umgeben.
Aus dem grünen
Fruchtknoten entwickelt sich eine kugelige, 45rippige, harte, verholzte
und samtig behaarte Nuß. Sie fällt im Herbst und Winter ab
und bildet für kleine Nagetiere eine willkommene Zwischenverpflegung.
Vorkommen,
Verbreitung
Die Horizontalverbreitung von Winter- und Sommerlinden umfaßt den
größten Teil von West-, Mittel- und Osteuropa, wobei die Sommerlinde
im Westen und Süden über die Winterlinde hinausreicht. Im Norden
und vor allem im Osten bleibt sie jedoch weit hinter dieser zurück.
In der vertikalen Verbreitung gibt es zwischen beiden Arten keine wesentlichen
Unterschiede, obwohl die Sommerlinde mehr als Baum der kollinen und
submontanen Stufe gilt. Schwerpunkte des Lindenvorkommens finden sich
im Baltikum und in Ostpreußen, weitere an der nordwestdeutschen
Tieflandschwelle (Umgebung von Gifhorn in Niedersachsen) im Niederrheingebiet
westlich Köln sowie im Vogelsberg und Pfälzer Wald. Auch auf
den nährstoffreichen, trockenen Standorten des Göttinger Waldes
finden sich zahlreiche Linden, wobei die Sommerlinde bevorzugt die warm-trockenen,
felsigen Oberhänge, die Winterlinde eher die etwas feuchteren, meso-
oder eutrophen Standorte an Unterhängen besiedelt.
Verwendung,
ökologischer Nutzen
Lindenholz weist einen ziemlich breiten Splint auf. Es kann weißlich,
gelblich, oft auch leicht bräunlich oder rötlich sein.
Vom grünen zum lufttrockenen Zustand (Raumgewicht 450550 kg/m3)
schwindet es mäßig bis stark. Einmal getrocknet, läßt
es sich leicht und in allen Richtungen sauber bearbeiten. Da der Eiweißgehalt
sehr groß ist, wird das Holz sehr oft vom Holzwurm befallen. Das
Lindenholz ist zäh, fest, biegsam, aber wenig elastisch und im Längsschnitt
fein nadelrissig. Im Witterungswechsel und unter Wassereinfluß ist
die Dauerhaftigkeit sehr gering. Daher eignet es sich für den Außenbau
nur schlecht. Dank seiner Weichheit eignet es sich sehr gut für die
Herstellung von Reißbrettern, Spielwaren, Kästchen, Gefäßen
und von Truhen. Auch liefert es eine gute Holzwolle, ein vorzügliches
Furnier und eine hochwertige Filter- und Zeichenkohle.
Heilkunde,
Mythologie und Brauchtum
Lindenblüten sind als Flores Tilae offiziell, d. h. als
Heilmittel anerkannt. Sie enthalten viel Schleim, Zucker, Wachs, Gerbstoffe
und Spuren eines ätherischen Öls, welches das würzig riechende
Farnesol enthält. Bereits in den Kräuterbüchern des 16.
Jahrhunderts wurde der Lindenblütentee als schweißtreibendes
und fiebersenkendes Heilmittel bei Erkältungen und Grippe beschrieben.
Den Germanen
war die Linde der Liebesgöttin Frigga oder Freya heilig. Diese Gottheit
war Sinnbild der Fruchtbarkeit, Güte, Mütterlichkeit, Herzlichkeit
und des immerwährenden Lebens. Unter Linden fand bei den Germanen
das Thing statt. Die auf Hügeln angepflanzten und daher
weit sichtbaren Bäume galten als Freiheitsbäume.
Wer ihr schützendes Dach erreichte, durfte nicht mehr ergriffen und
gerichtet werden.
Sehr oft wurde die Linde in der Mitte des Dorfes als Baum der Rast und
der Besinnung gepflanzt.
Auch vor
Klöstern und an Wallfahrtsorten standen fast im ganzen deutschen
Sprachgebiet Linden.
Aus einer
älteren Statistik geht hervor, daß es in Deutschland über
850 Ortsnamen gibt, in welchen das Wort Linde vorkommt. Ungezählt
sind die Gasthäuser Zur Linde, wo dieser wunderschöne
Baum im Garten seinen Schatten spendet und den Gast zum Verweilen einlädt.
Quellen:
Alfred Dengler Waldbau auf ökologischer Grundlage. 6.
Auflage, in 2 Bänden vollständig neubearbeitet von E. Röhrig
u. H. A. Gussone.
I. Band: Der Wald als Vegetationstyp und seine Bedeutung für
den Menschen. 1992. Hamburg und Berlin.
Jean-Denis Godet Bäume und Sträucher, 1996. Arboris-Verlag,
Hinterkappelen, Bern.
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