Lat.: Sórbus
doméstica L., Rosengewächse/Rosáceae
Als der Speierling
1993 zum Baum des Jahres gewählt wurde, ahnte niemand,
daß, viel stärker als bei den vorangegangenen Wahlen bekannter
Bäume, weitreichende und nachhaltige Impulse ausgelöst wurden.
Diese fast unbekannte und wegen der ganz unzureichenden natürlichen
Verjüngung auch vom Aussterben bedrohte Baumart fand das lebhafteste
Medieninteresse. Fast alle deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften
berichteten erstmals über den Speierling und die Baumschulen klagten
darüber, daß sie nicht schon zwei Jahre vorher informiert worden
seien, um sich auf diesen Ansturm vorbereiten zu können. Da das Interesse
der Medien ebenso wie das der Baumfreunde länger anhielt, konnte
die Nachfrage nach Speierlingspflanzen in den Folgejahren befriedigt werden.
Immerhin sind es mehr als 600.000 Stück, die in den letzten Jahren
ausgebracht wurden und das bei einem Altbestand von 4000 Bäumen in
ganz Deutschland vor 10 Jahren.
Die noch vor 15 Jahren unmögliche Nachzucht von Speierlingspflanzen
konnte in kurzer Zeit so entwickelt werden, daß heute die spezialisierten
Baumschulen aus 100 Kernen 60 Pflanzen zum Verkauf bringen. Man muß
nur die Kerne unverzüglich aus der reifen Frucht auswaschen, sie
drei Monate bei 4° C naßkalt stratifizieren und dann einzeln
in kleine Torfgefäße pikieren. Die Anzucht im sonst üblichen
Baumschulverfahren mit Freilandsaaten mißrät.
Das Kuratorium
Baum des Jahres hatte mit den nachfolgend gewählten Baumarten
Vogelbeere und Wildbirne ebenfalls große Erfolge. Auf europäischer
Ebene setzte bald nach dem Medienerfolg des Speierlings eine starke Bewegung
zugunsten der seltenen Baumarten ein. Die Forstverwaltungen fast aller
europäischen Länder schlossen sich zu einem European Forest
Genetic Resources Programme (EUFORGEN) zusammen und haben darin eine auf
lange Sicht hin arbeitende Gruppe, die sich als Noble Hardwoods
Network um die bisher vergessenen, seltenen Baumarten kümmert.
1996 fand die erste EUFORGEN-Sitzung in Escherode statt, im südlichsten
Zipfel Niedersachsens. Gastgeber war die Niedersächsische Forstliche
Versuchsanstalt.
Der Baum Speierling ist am besten in Frankfurt bekannt, da man dort den
herben Saft unreifer Früchte zur qualitativen Verbesserung des Speierlingsäpfelweins
verwendet. Das gibt dann einen etwas herberen Speierlingsäpfelwein,
die teuerste Äpfelweinsorte. Im Herbst fallen die Bäume auch
am ehesten den Spaziergängern auf, denn leuchtend gelbrote Früchte
sind an anderen Waldbäumen unbekannt. Man denkt bei den kleinen Früchten
vielleicht zunächst an Birnen oder Äpfel, doch die gefiederten
Blätter passen nicht zu diesen Arten. Der Speierling ist etwas Besonderes.
So besonders, daß die Botaniker ihn aus der Vierergruppe Sorbus
mit den Arten Elsbeere, Mehlbeere, Vogelbeere und Speierling herausbringen
wollen, weil er sich mit diesen Arten nicht bastardiert, wie
man das aber bei verwandten Pflanzenarten erwarten müsse.
In Unterfranken
und anderen Waldgebieten mit etwas wärmerem Klima und trockenen,
nährstoffreichen Böden, findet der Spaziergänger jetzt
einen blauen Ring um die stärkeren Speierlingsbäume. Das soll
den Blick der Förster und der Forstwirte auch bei nebligem Herbstwetter
auf diese Bäume lenken, und sie davor
schützen, versehentlich als Eiche gefällt zu werden. Die Rinde
ist oft so ähnlich, daß auch Fachleute zweimal hinschauen müssen.
Neben den bekannten Bäumen, das waren etwa 3500, wurden nach der
großen Sensibilisierung durch die Wahl zum Baum des Jahres
1993 noch weitere 1000 Bäume gefunden, die bisher nicht in
den Karten der Förster erfaßt worden waren. Gleichzeitig sind
aber in der Nähe von Orten durch neue Siedlungen oder natürlichen
Abgang durch hohes Alter wieder einige Hundert ausgefallen.
Da jetzt neben den etwa 4000 alten Bäumen eine halbe Million junger
Bäume in Deutschland stehen, dürfte die Art Speierling für
die kommenden 100 Jahre gesichert sein.
Mit diesem Erfolg wollen sich die Speierlingsfreunde nicht zufrieden geben.
Sie gründeten 1994 in Frankfurt eine Gesellschaft, den Förderkreis
Speierling und führen jährlich Tagungen durch, um nachhaltig
für diesen Baum zu werben und an seiner Erforschung zu arbeiten.
Das schließt auch die Früchte ein, die außer zum Speierlingsäpfelwein
auch für die Herstellung eines sehr guten Edelbrandes, Sorbette
oder Sperbelschnaps genannt, verwendet werden. Mehr als zwei
Dutzend Brenner (darunter sind die bekanntesten Spezialitätenbrenner
Deutschlands und Österreichs) stellen diesen Schnaps her. Da die
Früchte schwer zu beschaffen sind, ist der Preis natürlich höher
als bei den bekannten Obstlern.
In Italien werden die Früchte heute noch auf den Märkten als
Obst gehandelt.
Es gibt dort auch Liköre, Marmeladen und Gelees und schließlich
auch noch einen hochwertigen Essig aus Speierlingsfrüchten.
Das Holz
ist das schwerste der deutschen Waldbäume. Da die wenigen noch erhaltenen
Bäume aber unter stillschweigendem Schutz stehen, kommt davon nichts
auf den Markt. In Frankreich fallen gelegentlich einzelne Stämme
an und werden dann für Blasinstrumente oder Hobel verwendet.
Speierlinge entwickeln in dem Freistand speziell in den Streuobstwiesen
große Kronen. Sie fruchten fast jährlich, liefern dann
bis zu 1000 kg Früchte pro Baum und erreichen bis zum Alter von 140
Jahren Stammdurchmesser von 80 bis 130 cm.
Schwierig ist es, den Baum in der Lichtkonkurrenz mit anderen, wüchsigeren
Waldbäumen zu erhalten. Die Buchen und Fichten werden viele Meter
höher als die Speierlinge und wenn diese nicht ständig freigestellt
werden, können sie sich nicht behaupten. Es gibt nur wenige Waldgesellschaften,
in denen sie sich leichter durchbringen lassen. Das sind z. B. Wälder,
in denen die Elsbeere vorkommt, denn sie hat ähnliche Ansprüche.
Häufig suchen die Forstleute einen Kompromiß und pflanzen den
Speierling nicht in den später zu dichten Waldbestand, sondern an
die Ränder, an Wege und Wegekreuze. Da sieht man sie besser, kann
sie bei Bedarf freistellen und hat seine herbstliche Freude an den bunten
Früchten.
Prof. Dr.
Kausch-Blecken v. Schmeling, 1998
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