Lat.: Pýrus
commúnis L., Rosengewächse/Rosáceae
Der Birnbaum,
so wie er heute in unseren Obstgärten steht, war einmal ein kleiner,
struppiger Baum mit dornenbesetzten Zweigen: die Wildbirne (Pyrus communis
L.).
Wie alle
Wildobstarten ist auch die Wildbirne sehr lichtbedürftig, zeigt nur
ein geringes Höhenwachstum und hat daher von Natur aus nur an Waldrändern
und auf Freiflächen eine Chance. Außerhalb des Waldes hat man
in der Vergangenheit vor allem Züchtungsformen und Varietäten
der Birne, die besonders große oder schmackhafte Früchte aufweisen,
angepflanzt und erhalten.
Die ursprüngliche Wildform wurde so allmählich fast ausgerottet.
Eine echte
Wildbirne ist heute überall eine wirkliche Seltenheit, ja fast schon
eine Sensation. Am ehesten wird man sie noch in Gruppen auf Trockenrasen
und wärmebegünstigten Standorten antreffen.
Charakteristika,
Erkennungsmerkmale
Woran erkennt man denn nun eine Wildbirne? Zunächst einmal fallen
Birnbäume ganz allgemein durch ihren wohl einmaligen Habitus auf,
der sich durch eine relativ schlanke aufstrebende Krone auszeichnet.
In der Wipfelregion sind die sogenannten Fruchtbogen charakteristisch.
Die ursprünglich senkrecht wachsenden Hauptäste biegen sich
durch das Gewicht der Früchte immer mehr nach unten, so daß
schließlich Seitenknospen das Höhenwachstum fortsetzen müssen.
Und auch die sich daraus entwickelnden Wipfeltriebe erfahren dasselbe
Schicksal, so daß der Wipfel aller Birnbäume aus aufeinandergestellten,
überbogenen Ästen besteht.
Im Unterschied
zur Kulturbirne ist die Wildform in der Jugend bedornt; viele kurze Seitenzweige
enden mit einer empfindlich stechenden Spitze. Die echte Wildbirne hat
nur etwa 3 cm große Früchte, die rundlich oder eiförmig
sind (und daher gar nicht wie Birnen aussehen!), im Reifezustand noch
einen voll entwickelten Kelch tragen und an Stielen sitzen, die fast die
Fruchtlänge erreichen.
Die Blüte erfolgt in der Regel Ende April oder Anfang Mai und in
jedem Falle vor dem Laubaustrieb. Die Blüten sind zwittrig und auf
Fremdbestäubung von einem anderen Baum angewiesen.
Die Blätter
der Wildbirne sind rundlich, höchstens 5 cm lang und fast ebenso
lang gestielt, gesägt und oft am Rand bewimpert. Oberseits glänzen
sie auffällig, unterseits sind sie bläulichgrün und nie
filzig behaart.
Der Birnbaum gehört zur Familie der Rosengewächse und darin
zur Unterfamilie der Apfelfrüchtigen. Die besonders komplizierten,
durch den Menschen beeinflußten genetischen Verhältnisse bei
dieser Baumart haben dazu geführt, daß bis heute keine Einigkeit
beseht, ob die Wildbirne als eigene Art (Pyrus communis L., Pyrus pyraster
(L.) BURGSD.) oder nur als eine Varietät (Pyrus communis L. var.
Pyrater) anzusehen und von den Kulturbirnen zu unterscheiden ist.
Vorkommen,
Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Wildbirne reicht von Westeuropa bis zum Kaukasus.
In Nordeuropa kommt sie nicht vor, da sie wärmebedürftig ist.
Sie wird unter natürlichen Verhältnissen auf extrem trockene
Standorte verdrängt und kommt daher am häufigsten an der Trockengrenze
des Waldes vor, so auf basenreichen und flachgründigen, süd-
oder westgerichteten Hängen im Mittelgebirgsraum. Aber auch in Auenwäldern
an Rhein und Elbe ist sie von Natur aus anzutreffen. Angepflanzt werden
kann sie dagegen auf den meisten Standorten, solange sie genügend
Licht erhält nur sauer oder vernäßt sollten sie
nicht sein, und auch Frostlagen sind ungeeignet. Bisher fast unbedeutend,
liegen kaum Erfahrungen über ihre Behandlung oder Förderung
in Mischbeständen vor. Dies wird sich hoffentlich durch die verstärkten
Bemühungen der Forstwirtschaft in der jüngsten Vergangenheit
bald ändern. Derzeit steht die Wildbirne in verschiedenen Bundesländern
auf der roten Liste gefährdeter Arten!
Verwendung,
ökologischer Nutzen
Wildbirnen-Holz ist sehr begehrt, allerdings aufgrund seiner Seltenheit
kaum auf dem Holzmarkt zu bekommen. Die wenigen Wildbirnen-Stämme
gehen oft zu Liebhaberpreisen in die Möbeltischlerei und finden dort
als Ersatz für Nußbaum (gebeizt für Ebenholz) oder wertvolle
Furnier- und Intarsienarbeiten Verwendung. Es hat eine blaß-rötliche
bis hell-rötlichbraune Farbe, kann im sogenannten Falschkern
aber auch dunkler werden und wird vor der weiteren Verwendung meist gedämpft.
Das Holz ist hart, schwer und relativ dauerhaft in manchem alten
Holzhaus tragen noch heute jahrhundertealte Birnenholzbalken die schweren
Decken. Es läßt sich sehr gut bearbeiten.
Neben dieser
Verwendung des Holzes hat die Wildbirne wie alle Wildobstarten
einen hohen ökologischen Nutzen, vor allem wegen ihrer für
viele Insekten wichtigen Blüten und der für die Tierwelt bedeutsamen
Früchte (z. B. Siebenschläfer, Marder, Dachs, Igel).
Heilkunde,
Mythologie und Brauchtum
Aus Birnbaumblüten läßt sich bei Nierenbeckenentzündungen
ein wirksamer Tee bereiten. Die jungen, noch geschlossenen Blütenknospen
ergeben eine schmackhafte Salatbeilage. Birnensaft dient als Kur zur
allgemeinen Entgiftung des Körpers. Aus 25 Pfund Birnenkernen erhielt
man in Notzeiten 3 Pfund Speiseöl.
Daneben sprach man dem Birnbaum auch die Fähigkeit zu, dem Menschen
wirksam Schmerzen und Krankheiten abnehmen zu können, insbesondere
bei Zahnschmerzen, Gicht und Schwindsucht.
Birnbaum und Apfelbaum sind das Paar im Obstgarten: wurde
der Apfelbaum schon seit Urzeiten mit dem Weiblichen in Zusammenhang gebracht,
so symbolisierte der Birnbaum das Männliche. Eine alte Bauernregel
sagt: Willst Du ein Kuhkalb, so vergrabe die Nachgeburt einer Kuh
unter einem Apfelbaum, willst Du beim nächsten Mal ein Stierkalb,
so vergrabe die Nachgeburt unter einem Birnbaum. Für ein Liebesorakel
sollten junge Männer unter einen Apfelbaum gehen, Mädchen unter
einen Birnbaum. In den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Neujahr
holten sie sich Auskünfte über das kommende Jahr, indem z. B.
Mädchen um Mitternacht unter einen Birnbaum schlichen, aus ihren
Holzschuhen schlüpften und diese auf den Baum warfen. Bleiben sie
in den Zweigen hängen, so würde im nächsten Jahr ein schöner
Jüngling am Mädchen hängenbleiben.
Quelle: Kuratorium Baum des Jahres
Faltblatt Die Wildbirne 1997 · Verfasser: Prof. Dr.
A. Roloff
|