Lachse brauchen Bäume,
Bäume brauchen Lachse**
Einer der edelsten Speisefische, der Wildlachs, geht
seit Jahren im Bestand zurück. Der Hauptgrund dafür ist nach
neuen Untersuchungen die Abholzung der Wälder. Überfischung,
Vergiftung und Aufstauung der Flüsse spielen allenfalls Nebenrollen.
Lachse haben ohne Bäume keine Überlebenschance, und auch viele
Bäume wachsen besser, wenn im Bach zu ihren Füßen Fische
leben. Nachdem im Nordwesten der USA jahrzehntelang in großem
Maßstab die Wälder abgeholzt wurden, brachen gleichzeitig
die unermesslich erscheinenden Fischbestände in der Flüssen
der US-Staaten Washington und Oregon zusammen. Anfänglich wurden
dafür die zahllosen Staudämme verantwortlich gemacht, die
den Tieren den Weg versperren, wenn sie aus dem Pazifik kommen und die
Flüsse hinaufwandern zu ihren Laichgebieten. Sicherlich haben auch
diese Bauwerke ihren Anteil daran, dass die Lachse immer mehr zur Seltenheit
werden. Doch das Problem liegt tiefer.
Lachspopulationen und Wälder sind extrem eng aneinander gekoppelt.
Sie sind für ihr Überleben auf den jeweils anderen Partner
angewiesen, stellen James Helfield und Robert Naiman von der University
of Washington in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins "Ecology"
fest. "Unsere Untersuchungen zeigen für jeden Ökologen
überdeutlich: Der Zusammenhang zwischen der Ufervegetation eines
Flusses und den Lachsen ist keine Einbahnstraße", kommentiert
Naiman die veröffentlichte Arbeit. "Der beschränkende
Faktor für das Pflanzenwachstum in den Wäldern der gemäßigten
Klimate ist Stickstoff. Dieser Nährstoff ist für Pflanzen
lebenswichtig, und jener Stickstoff, den die Lachse während der
Laichsaison den Bäumen mit ihren Ausscheidungen zur Verfügung
stellen, spielt eine entscheidende Rolle."
Die Verflechtung der beiden so grundverschiedenen Lebensräume Wasser
und Wald beginnt damit, dass die in den Oberläufen der Flüsse
und Bäche abgelegten Lachseier keine direkte Sonneneinstrahlung
vertragen. Sie brauchen die Schatten spendenden Bäume am Ufer,
damit ihre Temperatur nicht zu stark ansteigt. Außerdem fallen
in einem Wald immer wieder ganze Bäume oder dicke Äste in
die Wasserläufe. An ihnen sammeln sich Sand, Geröll und weiteres
Treibgut, und es entstehen geschützte Stillwasserzonen. Besonders
im Winter sind die frischgeschlüpften Junglachse auf solche Zonen
angewiesen. Der gnadenlose Holzeinschlag hat diese Schutzzonen selten
werden lassen.
Doch auch die Ufervegetation profitiert von den Lachsen. Die Biologen
konnten in Flüssen, in denen die Fische laichen, eine wesentlich
höhere Stickstoffversorgung der Bäume messen als in fischfreien
Gewässern. Sitka-Fichten, so stellen sie fest, haben an Lachsgewässern
eine dreifach höhere Wachstumsrate. Das wiederum steigert die Produktion
von Totholz, das ins Wasser fällt und Schutzzonen für Junglachse
schafft - ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.
Im Queets-River in Washington fand Naiman den Stamm einer Sitka-Fichte,
die schon seit 1.500 Jahren im Flussbett liegt. An solchen Stellen bilden
sich langlebige Gemeinschaften aus Pilzen, Algen und vielfältigen
Tieren. Doch viele Baumstämme werden über kurz oder lang ins
Meer getragen, und sogar dort spielen sie noch eine wichtige Rolle für
die Ökologie der Ozeane. Im Salzwasser wird der Stamm von Schiffsbohrwürmer
besiedelt -Muscheln, die sich ins Holz bohren und von ihm leben. Dieses
Driftholz, ob untergetaucht oder schwimmend, ist ein "Hot Spot"
biologischer Vielfalt. Bohrmehl und Kot der Bohrmuscheln bieten Nahrung
für Schnecken und Kleintiere. Kleine Fische halten sich in der
Nähe auf, denen größere folgen -
der Einfluss des Waldes reicht bis aufs offenen Meer.
**nach einem Artikel in der "Welt
am Sonntag" vom 30.9.0