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Blüten der Vogelkirsche

Fangen wir am besten gleich mit den Blüten an. Damit Sie etwas zum Staunen haben. Über das auch ich immer noch staune. Denn das stand (bisher) in keinem Lehrbuch.

Mir war klar, dass sich in der Krone einer älteren, frei stehenden Vogel-Kirsche sehr viele Blüten entwickeln. Meine eigene Schätzung lag bei 100.000 Blüten. Ich wollte es aber genau wissen. Das ist halt der Vorteil, wenn man jede Woche eine vierstündige Baumbiologie-Vorlesung mit 180 Studenten hat, da kann man mal die Vorlesung nach draußen verlegen und ansagen: Heute zählen wir Kirschblüten. Gesagt, getan. Das Ergebnis, 3-mal überprüft: es sind eine Million Blüten – ja, richtig: 1.000.000 (ganz genau waren es 998.750)!!! Ich vergehe vor Ehrfurcht vor dieser Baumart. Das macht übrigens 5 Millionen Blütenblätter, denn eine Blüte hat 5 weiße Blütenkronblätter.
Wie schafft der Baum das? Warum macht er das? Bitte, liebe Baumfreundin, lieber Baumfreund, verneigen Sie sich im Frühjahr einmal vor einer blühenden Kirsche (die Japaner machen das jedes Jahr) – sie wird es uns danken.
Übrigens: etwas ganz Besonderes ist ein blühender Kirschbaum nachts im Mondschein, dann wirkt das Weiß der Blüten noch weißer, und man träumt von anderen Sternen oder Elfen. Oder erzählt Gespenstergeschichten.

Vogel- und Süß-Kirschen blühen (je nach Höhenlage) Anfang bis Ende April, vor dem Blattaustrieb und 1-2 Wochen früher als die Sauer-Kirsche, darauf werden wir noch mal zurückkommen. Also könnten wir doch eigentlich ab 2010 am Tag des Baumes, dem 25. April, ein Kirschblütenfest wie die Japaner feiern!

Die Bestäubung wird von Bienen, Hummeln und anderen Insekten durchgeführt. Die Blütezeit dauert allerdings nur eine Woche, bei Wärme und Trockenheit auch nur 5 Tage. Das heißt, dass Sie möglicherweise die Kirschblüte nicht am Wochenende erleben können – wenn die Bäume nämlich am Montag aufblühen, könnten sie am folgenden Freitag bereits verblüht sein. Dann müssten Sie sich also einen Tag Urlaub nehmen (oder Rentner sein). Oder Sie fahren am folgenden Wochenende in eine etwas höher gelegene Gegend, dort ist die Blüte dann erst einige Tage später. Kirschbäume schaffen es wegen ihrer spektakulären Blütenwirkung regelmäßig in die Tagespresse, was andere Bäume nur selten hinbekommen.
Kulturform und Wildform

Blütezeit erkennt man besonders gut überall die im Wald (oder am Waldrand) einzeln "versteckten" wilden Vogel-Kirschen, da sie dann weiß zwischen den anderen noch kahlen Bäumen hervorleuchten. Die Kulturform Süß-Kirsche findet man dagegen ausnahmslos außerhalb des Waldes, dort allerdings ebenfalls die wilde Vogel-Kirsche. Da es zwischen beiden alle Übergangsformen gibt (es handelt sich genau genommen um zwei Varietäten einer Baumart), kann man sich nur am aufrechteren Habitus und den kleineren Früchten (s.u.) der Wildform orientieren, wenn man es genau wissen will. Bäume der Süß-Kirsche zeigen hingegen oft eine gut sichtbare Pfropfstelle am Stamm und sind kleiner als die Wildform, mit breiter Krone, und sie stehen meist zu vielen in Reihen gepflanzt auf Wiesen.

Habitus

Kennen Sie den Brauch mit den Barbarazweigen? Dafür schneidet man Anfang Dezember – am 4.12. ist der Barbara-Namenstag – ein paar Kirschzweige ab, stellt sie im Zimmer in die Vase (das Wasser jeden Tag wechseln und die unteren Enden ab und zu etwas nach schneiden), dann blühen sie zu Weihnachten. Wenn es klappt. Früher wurden die Zweige durch heiratsfähige Mädchen abgeschnitten und an jeden Zweig der Name eines Jünglings geschrieben, den sich das Mädchen als Mann wünscht. Welcher Zweig zuerst erblühte, sollte dann der Auserwählte werden. Blühte gar keiner, fiel die Hochzeit aus…

Altes Volksrätsel:

Es sitzt eine Jungfrau auf dem Baum;
Hat ein rotes Röcklein an.
In ihrem Herzen ist ein Stein:
Rat, wer mag das sein?

Früchte - Herzkirschen und Knorpelkirschen

Weiter geht es also mit den Früchten. Wer will, kann sich gleich noch mal verneigen: das sind die süßen Kirschen, auf die wir alle so scharf sind. Nur dass man immer nicht so richtig weiß, wohin mit dem Kern. Deshalb am besten draußen essen. Und Weitspucken üben. Daraus werden dann nämlich Kirschbäume, die wieder blühen und Früchte tragen. Die Sie dann wieder essen können usw. Die Früchte stehen in doldenförmigen Büscheln zu 2-6 zusammen, es sind 1 cm dicke (bei Kultursorten bis 2,5 cm dicke) schwarzrote Steinfrüchte, d.h. sie haben einen harten Kern. In dem befindet sich der Keimling, bereit für ein neues Leben. Bis zur Reife der Früchte muss ein Kirschbaum allerdings viele Klippen erfolgreich umschiffen: Spätfrost, Regen während der Blüte, Trockenheit, Hagel, Fraßfeinde und Schädlinge. Bei großkronigen Süßkirschbäumen ist ein sorgfältiger Kronenaufbau durch Schnitt wichtig, um später gut an die Früchte zu gelangen.

Man unterscheidet bei den Früchten der Kulturform sog. Herzkirschen mit vorwiegend weichem Fruchtfleisch und Knorpelkirschen mit festem, knackigem Fleisch. Letztere sind bei Starkregen platzfester.

Keimung

Vor der Keimung des Kirschkerns platzt seine holzige Fruchtwand im Laufe des Winters auf (wenn die Kerne es geschafft haben, dem Fraß durch Vögel und Säugetiere zu entgehen), und heraus kommt im April der neue Kirschbaum mit zwei Keimblättern. Der wächst bald flott los. Vor der Keimung müssen die Kerne einige Zeit Kälte abbekommen haben, damit die Keimhemmung gebrochen ist. (Das wissen Sie ja noch von der Walnuss.)
   

Blätter und Herbstfärbung

Die bis zu 15 cm langen Blätter stehen schraubig am Spross, sind am Rand gesägt und tragen am 3-5 cm langen Stiel 2-3 Nektardrüsen, die Zuckersaft abgeben. Darüber wundern Sie sich nun vielleicht: Was sollen diese so genannten "extrafloralen Naktarien" (Nektardrüsen außerhalb der Blüten) an den Blättern? Denn zur Blütezeit sollen die Insekten ja die Blüten anfliegen, und warum locken die Blätter dann nach der Blüte noch Insekten mit Nektar an? Eine schöne Erklärung, die ich selbst bestätigen kann: das ist "Polizistenfutter"! Die Nektardrüsen ziehen mit dem Nektar Ameisen und andere Raubinsekten an, und die fressen schädliche Raupen, so dass sich der Kirschbaum dadurch auf geniale Weise vor Blattfraß schützt. Noch ein Hinweis, falls Sie Süß- und Sauer-Kirsche unterscheiden möchten (es handelt sich um verschiedene Baumarten): Bei der Sauer-Kirsche befinden sich die Nektardrüsen am unteren Blattrand, nicht am Stiel, und der Blattstiel ist nur etwa 1-2 cm lang.

Das nächste ästhetische Highlight der Vogel-Kirsche ist ihre Herbstfärbung: sie kann leuchtend orange bis feuerrot werden, und damit Ende Oktober für einen herbstlichen Höhepunkt in der Landschaft sorgen, fast ein bisschen wie Indian Summer in Nordamerika (dort sind es Ahorne, die das Feuerrot verbreiten). Die Blätter werden schnell zersetzt, wenn sie vom Baum gefallen sind.

Krone / Knospen / Stamm

Die Blütenknospen eines Kirschbaumes befinden sich nur an Kurztrieben (besonders kurze Triebe), dort können dann also auch nur die Blüten stehen. Damit findet eine für viele Obstbäume typische Arbeitsteilung in der Krone statt: die Kurztriebe sorgen für Blüten und Früchte, die Langtriebe für das weitere Zweigwachstum. Daher müssen Sie beim Obstbaumschnitt vor allem die Kurztriebe stehenlassen oder fördern, das ist sehr wichtig. Da die älteren Kurztriebe ein sehr charakteristisches Aussehen durch die vielen Narben der Knospenschuppen annehmen, werden sie im Obstbau Ringelspieße genannt.
An der Verzweigung eines Kirschbaumes fällt auf, dass sich die Seitentriebe nur immer in Absätzen an den Achsen befinden: sie sind quirlartig angeordnet, was zum typischen Habitus von Kirschbäumen führt (das macht sonst nur die Kiefer).
Die Kirsche gehört wie sonst nur viele Nadelbaumarten zu den 'Totasterhaltern': tote Äste bleiben oft Jahrzehnte lang am Baum hängen, weshalb die Bäume geästet werden müssen, wenn man Furnierqualität im unteren Stammabschnitt erreichen will.

Kirschbäume haben ein rasches Jugendwachstum, mit Jahrestrieben von bis zu 70 cm. Das lässt aber auch schnell wieder nach, und dann werden die Bäume im Wald von anderen Arten eingeholt und überwachsen, wenn der Förster nicht eingreift.
Die Krone von Kirschbäumen ist im Freistand rundlich und ziemlich breit. Sie können im Wald bis 30 m hoch werden, im Freistand bis 20 m und maximal 150 Jahre alt werden.
Der Stamm kann oberhalb der Wurzelanläufe etwa einen Meter dick werden. Der dickste mir persönlich bekannte Kirschbaum steht in der Nähe von Dresden, mit einem Stammdurchmesser in Brusthöhe von 1,05 m (Umfang 3,30 m).
Dickere Bäume melden Sie bitte an info@baum-des-jahres.de. Was Ihnen vielleicht schon mal aufgefallen ist: Kirschbäume in Plantagen oder zur Ernte von Früchten sind meist veredelt, das erkennen Sie oft an einer noch sichtbaren Pfropfstelle am Stamm, an welcher der Stamm plötzlich dicker ist. Die Lebenserwartung veredelter Bäume ist deutlich geringer (80 Jahre).

Etwas sehr Schönes sind Kirschbaum-Alleen in der Landschaft. Man findet sie aber heute äußerst selten, da es nicht die optimale Baumart für stärker befahrene Straßen ist. Umso wichtiger ist daher, wenn es noch welche an Nebenstraßen und Feldwegen gibt.
Eine besonders schöne Allee mit 132 Bäumen und 1,2 km Länge wächst in der Dübener Heide bei Torgau/Elbe.
Melden Sie weitere eindrucksvolle Kirschbaumalleen bitte auch an
info(at)baum-des-jahres.de.

Rinde und Wurzeln

Die Rinde des Kirschbaumes kann eine charakteristische dunkelrot oder graubraun glänzende Oberfläche entwickeln, sie ringelt sich wie bei Birken waagerecht vom Stamm ab. Es bildet sich wie bei Birken keine Borke, höchstens an sehr alten Kirschbäumen unten am Stamm.
Die Wurzeln entwickeln sich recht gleichmäßig in Tiefe und Breite (Typ Herzwurzler), alte Kirschbäume haben meist große Wurzelanläufe, die können bis zu 1,50 m am Stamm hochreichen. Häufig tritt Wurzelbrut auf, d.h. aus oberflächennahen Wurzeln entstehen neue Sprösslinge, nicht weit vom Mutterbaum entfernt.

Familie, Arte, Unterarten

Die Vogel-Kirsche gehört in die Familie der Rosengewächse, wie die meisten Obstbaumarten und viele besonders schön blühende Sträucher. Wenn Sie Genaueres über diese Familie wissen möchten, brauchen Sie viel Zeit. Alleine für die Recherche der folgenden beiden Zahlen habe ich fast einen Tag gebraucht, weil sie bisher nirgends zu finden waren. Ich verneige mich schon wieder, diesmal vor dieser Familie. Es handelt sich nämlich um die größte Pflanzen- und Gehölzfamilie der gemäßigten Breiten, mit weltweit 74 Gehölzgattungen und 1.690 Baum- und Straucharten, weshalb diese Familie auch regelmäßig die meisten Seiten in Gehölzbüchern einnimmt und man sie in 4 Unterfamilien einteilt. Daher waren inzwischen auch schon 3 weitere Baumarten dieser Großfamilie auf dem Siegertreppchen "Baum des Jahres" (na, wissen Sie welche?) – nämlich 1993 der Speierling, 1997 die Eberesche und 1998 die Wild-Birne.
Die Kirsche gehört zur Unterfamilie der Steinfrüchtigen, eine weitere Unterfamilie sind die Apfelfrüchtigen mit Apfel, Birne etc. Nah verwandt mit der Vogel-Kirsche, nämlich zur selben Gattung Prunus gehörig, sind etwa 250 Gehölzarten, z.B. Mandel, Schlehe, Pflaume, Aprikose und Pfirsich.

Gedicht


Kirschblüte bei Nacht
(v. B. H. BROCKES)