Heilkunde, Mythologie und Brauchtum

Vielen ist die Eberesche wegen der in ihr vorhandenen Heilkräfte bekannt. Blätter und Blüten haben eine große Heilwirkung als Tee bei Husten, Bronchitis und Magenverstimmungen. Die Früchte werden oft immer noch falsch in einem Atemzug mit der Tollkirsche genannt: ein Vogelbeer-Marmeladenbrot – dies ist für viele schon ein halber Giftmord! Und das Gerücht von der verheerenden Giftigkeit der Vogelbeere hält sich hartnäckig.

Zugegeben, nach dem Genuß größerer Mengen frischer Beeren kann es zu Magenverstimmungen kommen. Die Beeren schmecken aber so bitter und zusammenziehend, daß ein normaler Mensch nach der ersten Geschmacksprobe nicht mehr herzhaft zulangen wird. Schon in einem Kräuterbuch aus dem 16. Jahrhundert kann man lesen: „....die Vogelbeeren sind eines seltsamen Geschmacks – so man deren zuvil esset machen sie unwillen.“ Diese Symptome werden durch die Parasorbinsäure hervorgerufen, die in den Früchten enthalten ist. In kleinen Mengen genossen und richtig verarbeitet, sind sie jedoch nicht giftig – ganz im Gegenteil: Sänger und Redner nutzen die Vogelbeeren, um ihre Stimmbänder geschmeidig zu halten!
Die Eberesche hat eine tiefverwurzelte mythologische Vergangenheit, war sie doch dem germanischen Donnergott Donar geweiht. Wir wissen, daß die alten Druiden ihren Zauberstab aus Ebereschenholz herstellten. Besonders Orakel- und Gerichtsplätze wurden mit Ebereschen umpflanzt. Die Schönheit und Grazie dieses Baumes hat die keltischen Priester inspiriert, sie zum Baum des Lebens zu machen. Sie haben aus der Reihe der ersten sich belaubenden Bäume im Frühjahr die Eberesche ausgesucht und sie zum Symbol des Wiedererwachens nach der toten Winterzeit gemacht. Das sollten wir auch heute nicht ganz vergessen. Um sich vor Drachen zu schützen, hängte man ihre Zweige über Haus- und Stalltüren. Wenn ein Kalb einen Namen erhalten sollte, ging früher der Bauer vor Tagesgrauen in den Wald, um bei Sonnenaufgang mit einem Stück Kupferblech einen Ebereschenzweig zu schneiden. Mit ihm schlug er dem Kalb auf den Rücken und nannte es beim Namen. Dies sollte das Kalb vor Krankheiten schützen.

In Dalsland in Schweden treibt der Hirte sein Vieh von einem dem Himmelfahrtstag vorangehenden oder nachfolgenden Tag schon um die Mittagszeit nach Hause, nachdem er die Hörner der Tiere mit Blumen bekränzt hat. Der Herde voraus trägt er mit beiden Händen einen mit Blüten geschmückten Vogelbeerbaum, den er im nahen Wald geschnitten hat. Wird der Stall erreicht, so wird der Baum an den Giebel gepflanzt. Dieser Baum bleibt dann während der ganzen Weidezeit dort und soll die Tiere vor den bösen Geistern schützen. Nun werden den Schellenkühen die Glocken umgehängt und das Jungvieh benannt, indem es unter Ausrufung des ihm gegebenen Namens mit einer Rute des Vogelbeerbaums dreimal auf den Rücken geschlagen wird.