Mythologie und Brauchtum

Bei Dichtern und in der Mythologie führt die Esche eher ein Schattendasein, mit einer Ausnahme: der Weltenesche Yggdrasil in der nordischen Edda-Sage.

Als lebendige Säule durchdringt und verbindet sie mit ihren drei Wurzeln die unterschiedlichen Welten. Eine führt in die Unterwelt Niflheim, die zweite in die Götterstadt Asgard und die dritte in das Riesenland Jotunheim. Drei Schicksalsgöttinnen, die Nornen, kommen aus dem Urdbrunnen am Weltenbaum, bewässern dessen Wurzeln und bestimmen das Schicksal des Menschen. Über die Brücke des Regenbogens kommen die Götter jeden Tag zum Weltenbaum, um in seinem Schatten Gericht zu halten.

O weiser Baum,
oh, schenke mir ein Stück Unsterblichkeit,
gib preis der Väter Gut Aus Eis und Feuer;
gönne mir das Glück, Welt zu erschaffen, wo noch alles ruht.
O windzerzauster Baum, gib mir Mut.
Hoch raget dein Geäst ins Himmelreich,
kein Blitzstrahl und kein Donners Leid.
O Yggdrasil, vor Ehrfurcht ich erbleich,
oh, Odin's heil'ge Esche, zeige mir dein Reich.
(Joan Aiken, The Weeping Ash)


Die germanische Mythologie nennt 'Ask', die männliche Esche, und 'Embla' (die weibliche Erle) als das erste Menschenpaar. Die Esche war früher das Symbol für die Macht des Wassers. In ganz Nordeuropa war sie geheiligt und daher geschützt. Fällte man im angelsächsischen Raum zwei Eschen, stand darauf unweigerlich die Todesstrafe.

Das Glück einer Ehe beschützte in Schottland ein über das Bett gehängter Eschenzweig, bei den Römern war die Baumart das Symbol einer glücklichen Ehe und ihrer Freuden...

Der Name Fraxinus leitet sich vom griechischen phrasso (= umzäunen) ab, da junge Stämme gut zur Verwendung als Zaunpfähle geeignet sind. Ortsnamen wie Eschenbach und Aschau lassen sich auf diese Baumart zurückführen. Kenner wissen außerdem natürlich, dass man Vampiren den Garaus macht, indem man ihnen einen Eschen-Holzpflock durchs Herz rammt!

Vielen ist sicher der Wetterspruch bekannt:

Grünt die Eiche vor der Esche,
gibt's im Sommer große Wäsche.
Treibt die Esche vor der Eiche,
bringt der Sommer große Bleiche.


Aber beachten: Dies sollten Sie natürlich nur an nebeneinander stehenden und etwa gleich großen Bäumen beurteilen, um daraus Konsequenzen für den nächsten Urlaub abzuleiten…

(Text: Prof. Dr. A. Roloff)