Auffallend ihr Habitus

Am Habitus einer Rosskastanie fällt sofort ihre wolkige Kronenstruktur auf. Man hat direkt den Eindruck, dass viele Äste in der Krone sich nicht mit ihren Nachbarästen "absprechen".
Schaut man sich dann die Zweige genauer an, so erkennt man die dicken jungen Triebe mit den größten Knospen aller häufigen Baumarten. Selbst Kindern sind diese monströsen Organe oft schon bekannt, vor allem da die Knospen aufgrund von Harzausscheidung auch noch glänzen. Und kleben. Fassen Sie mal eine Kastanienknospe an – das merken Sie sich für eine Weile (nachdem die Finger wieder sauber sind)! Bei den Knospenschuppen fallen immer einige auf, die an der Spitze ein paar zipfelartige Fiederblättchen tragen und sich offenbar nicht recht entscheiden konnten, ob sie Schuppe oder Blatt werden sollten. Dies nennen Botaniker Übergangsblätter.

Blätter

Die Blätter stehen gegenständig am Spross (im Gegensatz zur Ess-Kastanie!) und sind gefingert. Das heißt, ein einzelnes Blatt besteht aus 5 bis 7 Fiederblättchen, die allesamt vom Ende des Blattstieles ausgehen und sehr unterschiedlich groß sind (das mittlere Fiederblatt ist immer am größten). Die Herbstfärbung ist erst goldgelb und dann braun, wobei Blätter an Straßenlaternen sich oft deutlich später verfärben.

Stamm -  häufig "drehwüchsig"

Und dann betrachten wir den Stamm: mit seiner groben Schuppenborke und bei genauerem Hinsehen auffallendem Drehwuchs, den 90% der Rosskastanien aufweisen. Die Holzstrukturen sind dabei längs des Stammes nicht genau senkrecht orientiert, sondern verdreht. Unter Wissenschaftlern wird diskutiert, ob dieser Drehwuchs angeboren ist oder durch die Erddrehung bzw. durch das Wandern der Sonne bedingt sein kann. Wir lassen das hier offen und beteiligen uns nicht an dieser Diskussion. Viel wichtiger: achten Sie mal drauf, ob Sie den Drehwuchs erkennen. Rosskastanien können bis 2m dick, 25-30m hoch und 300 Jahre alt werden.

Blüte

Und nun zu einem der schönsten Details dieser Baumart: den sich Ende April oder Anfang Mai öffnenden Blüten. Sie tragen 5 auffällige cremig-weiße Kronblätter, deren beide obere einen Farbfleck aufweisen, das sog. Saftmal. Zu diesem Saftmal gibt es gleich noch Aufregendes zu berichten, denn an einigen Blüten ist es gelb, an vielen orange oder rot gefärbt. Aber dazu später mehr. Die Blüten sind zu Hunderten in verzweigten, großen kerzenartigen Blütenständen vereinigt. Wenn man sich die Einzelblüten genauer ansieht (unbedingt lohnend!), erkennt man nur selten beide Geschlechter sofort: einen Fruchtknoten und drum herum 7 Staubblätter (es waren mal 10, aber von denen hat die Natur im Laufe der Zeit 3 eingespart).Im oberen Teil des Blütenstandes finden wir viele tendenziell männliche Blüten (der Fruchtknoten ist verkümmert), dann folgen in der Mitte des Blütenstandes zweigeschlechtliche Blüten, und an der Basis des Blütenstandes befinden sich nur betont weibliche (die männlichen Anlagen werden unterdrückt – die Kastanie macht das einfach...ohne Diskussion).

Früchte

Diese Geschlechterverteilung hat den enormen Vorteil, dass sich die Früchte nur im unteren Teil des Blütenstandes entwickeln. Was erheblichen Aufwand für die Stabilität der Fruchtachsen spart, weil sie nicht so lang sind. Da sich in einer Krone über 1.000 Blütenstände entwickeln können, macht dieses Aufwandsparen für den Baum insgesamt schon ganz schön was aus. Vor allem bei d e m Fruchtgewicht. Denn die bis zu 6 cm dicken Früchte können bis zu 20 g wiegen (jetzt rechnen Sie mal: bis zu 10.000 für einen großen Baum!). Sie reifen bis zum September oder Oktober in stacheligen Kapseln, die bei der Reife dreiklappig aufplatzen und den appetitlichst glänzenden aller ungenießbaren Samen hervorbringen – wunderschön braun glänzend wie ein Mahagoni-Tisch, mit einem charakteristischen weißen Fleck, den sogenannten Nabelfleck (den kein Mahagoni-Tisch hat). Die Freude über den schönen Glanz der Samen hält allerdings nicht lange an, denn sie werden an der Luft schnell matt (und man muss sie einölen wenn sie weiterglänzen sollen – darauf waren Sie natürlich auch schon gekommen). Die Samen befinden sich meistens einzeln, selten zu zweit oder zu dritt in der Kapsel, deren Stacheln und weiche Fruchtschale den Aufprall beim Herabfallen aus der Krone dämpfen. Dann springt der glatte Same aus der aufplatzenden Kapsel heraus und rollt noch ein Stück davon (sog. "Rollsame"). Diese Samen sind im Gegensatz zu den Maronen der Esskastanie ungenießbar bitter und für Menschen schwach giftig. Verschiedene Tiere sind aber ganz scharf darauf. Da die Blüten- und Fruchtstände am Ende von Zweigen stehen, sind diese Zweige nach der Blüte damit nicht mehr zu weiterem Wachstum in der Lage, und nur Seitenknospen können das Überleben des Astes fortsetzen mit der Folge seiner Gabelung.

Keimung - Wurzeln

Die Keimung muss im folgenden Frühjahr erfolgen, sonst geht die Keimfähigkeit verloren. Sie funktioniert außerdem nur bei Bedeckung des Samens durch Laub oder Erde (das ist der "Versteckfrucht"-Typ). Bei der Keimung bleiben die Keimblätter zusammengefaltet in der Erde und liefern ihre nahrhaften Inhaltsstoffe an den wachsenden Keimling, bis der sich selbst versorgen kann.

Die tief reichenden und weit streichenden Wurzeln machen Rosskastanien sehr sturmfest.