Mythologie, Heilkunde, Brauchtum

Der Name Weide geht auf eine indogermanische Wurzel mit der Bedeutung 'biegsam' zurück, womit die Zweige gemeint sind. In vielen Sagen und Rechtsbräuchen erscheint die Weide als Baum der Unfruchtbarkeit, der Ehrlosigkeit, der Trauer und des Todes. Gespenster verwandeln sich in Weiden, der Weidezwerg ist das Zepter von Hexen. Wer hat es nicht schon erlebt, an einem nebligen Novembermorgen eine fürchterliche Gestalt mit aufgedunsenem Kopf und wild zu Berge stehenden Haaren vor sich aus dem Nebel auftauchen zu sehen? Um dann festzustellen, daß es keine Hexe, sondern eine Kopfweide war... Suchen Sie Ihre nächste Kopfweide einmal bei Nabel auf, und Sie werden die Verbindung von Weiden und Hexen verstehen: Die Weide war der Hexenbaum, und wenn eine Frau nachts in ihrer Nähe gesehen wurde, war sie verdächtig... Unter oder an Weiden haben viele bekannte Gestalten früherer Zeiten ihen Tod gefunden (Judas Ischariot, Karoline von Günderode, Desdemona, Ophelia u.a.).

Die Weide; verwachsene Weiber,
gebeugt mit zottigem Kopf,
zerlumpt sind ihre Röcke...

(g. Eich)

Aber auch anderes wird berichtet, so z.B. daß man durch Verknotung von drei Weidenzweigen Krankheiten auf diesen Baum übertragen und dadurch gesund werden kann. In einem Kinderlied wird die Weide als lebensrettend beschrieben, indem man sich an ihren Zweigen festhält und so nicht ins Wasser stürzt. Weiden sind auch der Baum der Fruchtbarkeit, Wiedergeburt und Erneuerung.

Weide, silbern Angesicht,
weil ich dich von weitem sehe
leidet' s mich und Hält mich nicht
bis ich grüßend vor dir stehe.

Heut! Und oh, wie manches Jahr
kam ich, Weide, dich befragen!
denn ich wußte: Frühling war,
wenn du wieder ausgeschlagen.

Jahr um Jahr dieselbe Tracht.
Eh die andern sich bemühen,
Weidenbaum bist aufgewacht
Und beginnst alsbald zu blühen.

Ich verspür die Wandlung kaum,
Und sie hat dich schon durchdrungen;
Güldern überm Silberflaum
künden mir die tausend Zungen

Botschaft, Jahr um Jahr erneut:
Frühling kam, die Welt geht offen!
Weide, die mein Herz erfreut:
Wer ums Wunder weß, lernt hoffen.

(R. A. Schröder)

Die Weide spielt bis heute in allen Naturheilverfahren eine wichtige Rolle und ist der Klassiker unter den Schmerzmitteln. Bereits bei Hippokrates war ihre Wirkung gegen Schmerzen und Fieber bekannt, schon Hildegard von Bingen empfahl im 12. Jahrhundert Weidenrindentee gegen Fieber, Gicht und Gelenk-Reumatismus. Im 17. Jahrhundert wurde überall die Rinde zur Medikamentenherstellung für Rheuma-oder Gichtheilmittel verwendet. Die Weiderinde enthält das Salicin, das nach der Magen-Darm-Passage im Blut und in der Leber nach und nach, d.h. verträglich (ohne Nebenwirkung) in die wirksme Salicylsäure umgewandelt wird. 1899 gelang die synthetische Herstellung der Salicylsäure und aus ihr später die Entwicklung des "Aspirins", das allerdings Nebenwirkungen hervorrufen kann. Der Trend geht daher heute wieder in Richtung Naturprodukt, sprich natürlicher Weiderindenextrakt.

Wo heute alte Silberweiden stehen, wartet auf uns noch ein Rest Wildnis... Ihr Auftreten erinnert uns damit symbolisch an bedrohte Feuchtbiotope. In den Elbauen scheint man dies - derzeit zumindest - begriffen zu haben. Schützen wir sie?!