Blätter - hoher Lichtbedarf

Unverwechselbar wird diese Erlenart durch ihre Blätter, bei denen die Designer einfach die Spitze vergessen haben. Und auch auf eine Herbstfärbung werden Sie vergeblich warten, denn die Blätter trocknen grün am Trieb etwas ein und werden dann abgeworfen. Wir kommen darauf nachher noch einmal zurück.
Auffällig ist der bereits im Frühsommer einsetzende grüne Blattfall, bei dem bis zur Hälfte aller Blätter vorzeitig abgeworfen werden können. Dabei handelt es sich immer um die ersten und untersten Blätter der Jahrestriebe, die von den später erscheinenden, oberhalb befindlichen so beschattet werden, dass sie nicht mehr überleben können. Es handelt sich also nicht etwa um ein Schadsymptom, wie immer wieder zu lesen ist, sondern um eine eindrucksvolle Folge von dem extrem hohen Lichtbedarf dieser Baumart.

Blüten und Früchte

Die Schwarz-Erle erreicht ihr Blühalter schon unter 10 Jahren. Die  unscheinbaren Blüten sind windbestäubt und eingeschlechtig, es kommen aber beide Geschlechter auf einem Baum vor (was botanisch als Einhäusigkeit bezeichnet wird - erinnern Sie sich noch, wie das beim Wacholder war?)². Die männlichen Blüten befinden sich in ca. 5-10 cm langen hängenden Kätzchen, die weiblichen sind viel kürzer und stehen aufrecht. Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Kätzchen überdauern den Winter ungeschützt und sind daher schon ab Frühsommer des Vorjahres sichtbar, obwohl sie erst im nächsten Frühjahr blühen. Dabei gehört die Schwarz-Erle zu den im Jahreslauf am frühesten blühenden heimischen Baumarten - die Heuschnupfen-Empfindlichen wissen das ganz genau.
Während des Heranreifens der Früchte verholzt der Fruchtstand und wird - für einen Laubbaum schon wieder sehr ungewöhnlich - zu einem Zapfen. Die winzigen Früchte haben Auswüchse, die luftgefüllt sind und als Schwimmpolster dienen. Das ist einfach genial! Sie fallen vom Herbst bis zum Frühjahr aus den Zapfen und werden vom Winde verweht oder mit dem Wasser verbreitet, worin sie bis zu 12 Monate lebensfähig bleiben. Die Wasserverbreitung ist sehr effektiv, da sowohl die Entfernungen als auch die Wahrscheinlichkeit, einen gut wasserversorgten Rohboden zu finden, groß sind. In der Regel gibt es jedes Jahr reichlich Früchte.

Name, Schuppenborke, Herzwurzelsystem

Zum deutschen Namen der Schwarz-Erle hat die im Alter zerklüftete, dunkle Schuppenborke geführt. Mehr zum unerwünschten Namen Rot-Erle kommt später noch. Nur nicht so ungeduldig - lesen Sie doch erstmal weiter!
Wir wenden uns jetzt den Wurzeln dieser Baumart zu, denn da gibt es Wichtiges zu berichten. Die Schwarz-Erle entwickelt ein sehr tiefreichendes, wegen seiner Form so genanntes Herzwurzelsystem und vermag auch ausgesprochen schwere Tonböden zu erschließen. Dieses dringt auch in ganzjährig vom Grundwasser beeinflusste Bodentiefen vor. Die dadurch erschwerte Luftversorgung der Wurzeln wird durch auffallend große Öffnungen in der Rinde (sog. Lentizellen) und Luftkanäle im Holz sichergestellt, die sich an der Stammbasis und den oberflächennahen Wurzeln befinden. Erst eine lange Überschwemmung auch der Stammbasis kann zum Absterben der Erlen führen. Oder eine lange Austrocknung. Nun wird's interessant. Denn eine weitere Besonderheit der Erle ist das Vorkommen von Wurzelanschwellungen (sog. Rhizotamnien), knollenartige Gebilde von Stecknadelkopfgröße bis zur Größe eines Apfels. Diese Wurzelknöllchen, die sich nur in den oberen Bodenhorizonten finden lassen, beherbergen Bakterien, die Luftstickstoff binden können. So kann sich die Erle mit diesem wichtigen Nährstoff direkt aus der Luft selbst versorgen. Werden Erlen mit solchen Knöllchen und andere ohne diese in stickstofffreier Nährlösung kultiviert, sterben die Bäume ohne Knöllchen nach kurzer Zeit ab, während die anderen normal weiterwachsen! Die Mikroorganismen können in den Wurzelknöllchen besonders effektiv arbeiten, da sie vom Wirt, der Erle, mit Zuckerlösung aus der Photosynthese ihrer Blätter versorgt werden. Der Baum investiert also einen Teil seines Energiegewinns, um sich von der Stickstoffversorgung aus dem Boden weitgehend unabhängig zu machen. Wenn Sie bedenken, dass die Luft zu 78% aus Stickstoff besteht, können Sie erahnen, welches bedeutende Potenzial sich damit der Erle eröffnet. Es wurden Werte von bis zu 200 kg in den Knöllchen gespeichertem Stickstoff pro Hektar und Jahr errechnet, was einer landwirtschaftlichen Volldüngung entspricht! Daher hat es die Erle auch nicht nötig, vor dem Laubfall die Inhaltsstoffe aus den Blättern abzuziehen. Was zur Folge hat, dass die Blätter grün abfallen. Die daher auch sehr stickstoffreiche Laubstreu kann besonders rasch zersetzt werden und ist bereits im späten Frühjahr des Folgejahres vollständig verschwunden. Ein Leckerbissen für die Zersetzer!