Netzborke mit markanten Rindenstrukturen, Foto: A. Roloff
Starker Altbaum mit zerfallendem Stamm, Foto: A. Roloff
Markante Stammknollen und Stammaustriebe, Foto: A. Roloff
Intensiver Stockausschlag, Foto: A. Roloff
Innenwurzeln im hohlen Stamm, Foto: A. Roloff
3a) Rinde


Die Rinde entwickelt sich zu einer ausgeprägten Netzborke, wobei Sie bei genauerer Betrachtung aufregende Strukturen finden können: an älteren Bäumen gibt es oft turbulente Bereiche, in denen die Dynamik des Stammdickenwachstum sehr schön sichtbar wird. Denn der Stamm kann bei den Linden bis zu 6 m dick werden, das hatten wir noch nie bei den Bäumen des Jahres. Dabei wird die Sommer-Linde allerdings meistens noch dicker als die Winter-Linde: so sind auch die dicksten Linden Deutschlands alle Sommer-Linden, z.B. das Riesenexemplar in Heede im Emsland mit 18 m Stammumfang. Die stärkste mir persönlich bekannte Winter-Linde hat einen Stammumfang von 9,10 m (in 1,3 m Höhe, sog. BHU = Brusthöhenumfang) und steht bei Rochlitz/Mittelsachsen. Kennen Sie noch eine dickere? Dann bitte unbedingt melden an www.baum-des-jahres.de, wir freuen uns!

Stammknollen

Beim Umfangmessen machen die häufigen Stammknollen der Linden oft Probleme, sie erhöhen natürlich das Messergebnis, was sich aber nicht ändern lässt. (Wir messen ja bei unserem Bauch- oder Brustumfang auch "alles mit", hilft ja nix… ☺ ) Diese Maserknollen am Stamm vieler Linden entstehen um frühere Astansätze herum, indem dort kleinräumige Zuwachssteigerungen stattfinden. Oft ist dies verbunden mit dem Austreiben zahlreicher schlafender Knospen, so dass es an diesen Knollen auch zu dichten Zweigbüscheln kommt.

Wird die Winter-Linde abgesägt, treibt sie sofort wieder intensiv aus dem Stock oder Stamm aus. Dieser ausgeprägte Überlebenswillen trägt sicher auch zu ihrem hohen Lebensalter bei.

Tja und dann gab's für mich eine Riesenüberraschung (das liebe ich über alles bei den alljährlichen Baumrecherchen): die älteste Linde Europas nämlich ist eine Winter-Linde bei Gloucester in England, von der ich noch gar nichts wusste. Sie ist – von Baumexperten/Dendrologen seriös datiert – über 2.000 Jahre alt, wurde allerdings immer wieder auf den Stock gesetzt (= am Stammfuß abgesägt), mit einen Durchmesser der Stockrudimente von  inzwischen über 16 m – unfassbar! Allerdings existiert schon länger kein einzelner dicker Stamm mehr, sondern nur ein "Ensemble" von 60 jüngeren Linden, die alle aus den Stockresten des alten Mutterbaumes ausgetrieben sind. Solche Klonbäume können theoretisch immer weiterleben mit dieser Strategie, sie sind dadurch also unsterblich – bis sie von einer Krankheit oder einem anderen Naturereignis gekillt werden. Natürlich stellt sich dabei die interessante Frage: wie zählt man das Baumalter, wenn der Vorgänger nach seinem Absägen wieder aus dem Stock ausgetrieben ist? (was wir ja bei vielen alten Linden heute gar nicht sicher wissen) Zählt bei dem Alter der jetzigen Bäume auch das Alter des Vorgängers mit? es ist ja immer noch derselbe Baum. Es besteht einigermaßen Einigkeit, dass nur der jetzt lebende oberirdische Baum berücksichtigt wird. Auch die Umfangmessung ist bei solchen Baumkränzen/-gruppen natürlich problematisch bzw. unmöglich – man kann ja nicht einfach um alle 60 Einzelindividuen der Gruppe herummessen!

Innenwurzeln

Oft bilden sich im Stamm dickerer Linden Innenwurzeln, die sich vom zersetzenden eigenen Holz des Baumes ernähren – ein bisschen Selbst-Kannibalismus darf mal sein... Sie treten in Erscheinung, wenn der Stamm aufreißt oder hohl wird und können beeindruckende Stärken erreichen. Wenn Sie darauf achten, werden Sie welche finden.

 

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(Text: A. Roloff)