5) Die Platzgreifende

 

Ein eindrückliches Beispiel ihrer Ausbreitung sind die  zum Teil flächig mit Robinien bestandenen Berliner kriegsbedingten Trümmerschuttflächen und Nachkriegsbrachen wie die stillgelegten Gleisanlagen. Da in Berlin besonders viele Robinien in Parks und Gärten sowie entlang von Straßen und Bahntrassen stehen, konnte die Robinie sich viele dieser innerstädtischen Kriegsbrachen schnell und komplett erobern. Sie wurde hier also zu dem Pionier, der sie ja auch in ihren heimatlichen Wäldern in den Appalachen auf von Feuer oder Sturm verwüsteten Flächen ist. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Dort werden diese Robinien-Pionierflächen nach zwanzig, dreißig Jahren von anderen, schattentoleranten Baumarten durchwachsen und die Robinien nach und nach wieder zurückgedrängt. Solch eine natürliche Regulierung scheint in Mitteleuropa nicht möglich zu sein. Die Berliner Robinienwälder sind auch nach nun über sechzig Jahren noch immer Robinienwälder. Es gibt bislang keinen Hinweis, ob irgendeine heimische Baumart in der Lage ist, die Dominanz der Robinie dort zu brechen.

Die Robinie ist sehr lichtbedürftig. In die hiesigen, überwiegend dichten Wälder kann die Robinie, selbst wenn sie am Waldrand vorkommt, nicht eindringen – es sei denn über angrenzende Brandflächen, Windwürfe, Insektenkalamitäten oder Kahlhiebe. Bedrohlich ist sie aber für sonnenbeschienene, insbesondere trockene und stickstoffarme Standorte wie Mager- und Trockenrasen, warm-trockene Hanglagen, Binnendünen oder sehr lichte natürliche Kiefernbestände auf sandigen Böden. Alle diese Orte sind heute seltene und wegen ihrer speziell angepassten Pflanzen- und Tierwelt schützenswerte Lebensräume. Hat die Robinie erst einmal solche Plätze besetzt, ist es um die Schutzwürdigkeit dieser Gebiete geschehen. Sie einfach abzusägen bringt den gegenteiligen Effekt, da dann ihre Stubben und Wurzelbrut um so stärker austreiben. Und selbst wenn es mit viel Aufwand gelingen sollte, die Bäume inklusive Wurzelbrut zu entfernen – der Boden ist längst von den Robinien mit Stickstoff angereichert worden. Und damit ist ein wesentliches Charakteristikum dieser heute selten gewordenen Standorte, die Stickstoffarmut des Bodens, auf lange Sicht dahin.
Die Robinie wurde daher vom Bundesamt für Naturschutz als invasive Baumart eingestuft.

Abb. Blühende Robinie in der Feldflur, Foto: Andreas Roloff


Die schöne Robinie – eingeführt aus botanischem Interesse und Liebhaberei – ist ein eindrucksvolles Beispiel für Fluch und Segen nichteinheimischer, aber inzwischen längst etablierter Arten. Zunächst war sie höchstwillkommen bei der Rückgewinnung von jahrhundertelang übernutzten und verödeten Landstrichen und Wäldern. Da nun heute solche nährstoffarmen Landschaftsbereiche selten geworden sind, versucht man, diese Standorte wegen ihrer spezifischen Biodiversität zu erhalten. Dabei möchte man die Robinie eher auf Distanz wissen. Denn sie kann, wenn sie auf diese Flächen gelangt, diese Versuche zunichte machen.


6) Spitzenholz

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Text: Dr. Rudolf Fenner
(Vertreter von ROBIN WOOD im Kuratorium Baum des Jahres)

 

 

 

Deutsche Baumkönigin 2020

Charlotte Baumann
ist die Deutsche
Baumkönigin 2020