Interview Baum des Jahres 2020 / Robinie 22.09.2020

 

Prof. Dr. Ralf Kätzel Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde

 

Ausbreitungsdynamik einer Pionierbaumart – Fluch oder Segen?

 

Baum des Jahres: Herr Kätzel, der Titel Ihres Vortrags lässt eine Menge botanische Energievermuten. Man bekommt in der Diskussion um den Baum des Jahres 2020 immer wieder dasGefühl, der Robinie hafte etwas „bösartiges“ an. Wie kommen Fachleute und Interessierte zusolchen Gefühlen gegenüber einer Baumart? Auch Sie haben es sehr pointiert so formuliert:Was ist der Fluch, was der Segen an der Robinie?

Kätzel: Ob man eine Baumart als Fluch oder Segen wertet, hängt immer von den Zielen des Flächeneigentümers ab. Im Falle der Robinie ist die Baumart beispielsweise für Imker oderholzverarbeitende Handwerker ein Segen. Für Liebhaber von Trockenrasenvegetationhingegen, kann sie ein „Fluch“ sein. Als Naturwissenschaftler sollte eine emotionaleBewertung von Gehölzen aber tabu sein. Vielmehr möchte ich hier für Demut vornatürlichen Prozessen der Entwicklung, Anpassung und Eigenarten einer Art werben. Die Robinie als bösartig zu bezeichnen, finde ich unseriös. Naturwissenschaftlich ist dieseBaumart einfach erst einmal vorhanden, mit allem Für und Wider – aus menschlicher Sicht.

Baum des Jahres: Sie äußerten einmal die Robinie werde sich ohnehin in Europa ausbreiten,ob wir das nun begrüßen oder nicht. Können Sie erklären wie Sie zu diesem Schluss kommen?

Kätzel: Dafür gibt es mehrere Gründe:
Zunächst den Menschen: Das Vorhandensein der Robinie hat mit uns zu tun, dennMenschen haben für die Verbreitung der Art gesorgt. So hat die Robinie einen weltweitenSiegeszug von ihrem Ursprungsgebiet im Osten Nordamerikas über China nach Nordkoreabis in den Balkan angetreten. Sie gehört inzwischen zu den meist angebauten Baumarten derWelt. In Ungarn ist ein Viertel der Waldfläche mit Robinien bestockt und spielt bei der Bewaldung von Extremstandorten eine wichtige Rolle. Insbesondere auf devastierten Flächen, wo andere Baumarten versagen, bietet die Robinie die Chance Waldflächenüberhaupt in Bestockung zu bringen. Und genau das sind ja auch Ursachen für die Wertschätzung dieser Art: Eine hohe Anpassung gegenüber Trockenheit, die FähigkeitStickstoff zu binden und damit Extremstandorte auch für andere Baumarten (wieder)nutzbar zu machen.

Ein weiterer Aspekt betrifft Robinia pseudoacacia selbst: Sie ist eine klassische Pionierbaumart mit einer hohen Ausbreitungsdynamik. Als echte Strategin ist sie vegetativ durch Wurzelbrut und Stockausschläge sehr erfolgreich, aber auch generativ vielen anderen Baumarten überlegen. So bleiben ihre Samen über Jahre im Boden keimfähig – da können heimische Arten wie Buchen und Eiche nicht mithalten. Die Robinie ist also höchsterfolgreich, wenn genügend Licht und Fläche vorhanden ist. Der Klimawandel begünstigt die Ausbreitung der Robinie: Klimatische Veränderungen habenauch hier zu Lande Auswirkungen auf Vegetationsflächen und die Konkurrenzkraft der Robinie steigt in dem Maße, in dem andere Baumarten verschwinden. Das Gleiche gilt fürden urbanen Raum: Immer weniger heimische Arten können den klimatischen Veränderungen standhalten. Und die Robinie erfüllt in der Stadt alle Anforderungen: Kühlung, Schatten, Bindung von CO2, ästhetische Blüte. Letztlich dürfen wir froh sein, dasswir für solche Extremstandorte überhaupt eine Baumart zu Verfügung haben. Es denken alsonicht nur Waldbewirtschaftende über diese Art nach, auch Städteplaner fördern sie. Ich glaube, das Zeitalter der Robinie kommt erst noch.

Baum des Jahres: Herr Kätzel, kürzlich wurde dem Kuratorium Baum des Jahres vorgeworfen, es habe eine „sündhafte“ Entscheidung getroffen, die Robinie zum Baum des Jahres zuwählen. Was löst das bei Ihnen aus?

Kätzel: Ich arbeite seit vielen Jahren im Kuratorium Baum des Jahres mit und versteheunseren Auftrag sehr klar: Wir wollen der Bevölkerung möglichst viele verschiedene Baumarten präsentieren. Jede Baumart hat eine Besonderheit und auch eine Botschaft: Seltenheit, Bedrohung, ökologische Funktion oder wirtschaftliche Verwendung. Bei jeder Artgeht es um die Verbindung zwischen Mensch und Baum, ganz gleich wie facettenreich diese Verbindung aussieht. Wir machen Lobbyarbeit für Bäume – dabei grenzen wir aber keine Baumart aus. Wer fragt, warum wir die Robinie gewählt haben, dem könnte ich antworten, dass es hat ja auch 31 Jahre gedauert hat bis die Robinie überhaupt mal dran war. Das war wie immer ein Diskussionsprozess, der mit einem demokratischen Abstimmungsergebnis abschloss.

Um zur „Sündhaftigkeit“ der Robinie zurückzukommen: Ich halte solch starke Emotionen von Außenstehenden für ein gutes Zeichen. Denn sie erregen Aufmerksamkeitzur gewählten Art – und genau das möchten wir. Solange diese Äußerung nicht von einem Wissenschaftler kommt, akzeptiere ich die Kritik und möchte mich gleichzeitig dazubekennen: Jede Baumart ist es wert einmal auf den „Thron zum Baum des Jahres“ gehobenzu werden.

Baum des Jahres: Immer wieder ist die Giftigkeit der Robinie Thema im Diskurs. Birgt die Baumart tatsächlich Gefahren, z.B. für im Wald Beschäftigte?

Kätzel: Viele Pflanzen haben ein riesiges Arsenal an sekundären Pflanzenstoffen ausgebildet, die potenzielle Fressfeinde oder Pathogene abschrecken sollen. Die Robinie gehört nebender Eibe zu den Meistern an „Giftmischern“ unter den Gehölzen. (Deshalb brauchen wir ja auch keine künstlichen Holzschutzmittel.) Rinde und Samen bilden Giftstoffe, sogenannte Lektine. Diese Kohlenhydrat-Protein-Verbindungen können entsprechende biochemische Reaktionen auslösen. Übrigens enthalten auch einige unserer Nahrungspflanzen Lektine, deshalb kochen wir sie vor dem Verzehr. Auch Schneeglöckchen bilden Lektine und niemandstört sich an der Giftigkeit – obwohl sie in Wald und Garten wachsen. Robinia pseudoacacia überträgt ihre Giftstoffe nicht auf die Blüten, deshalb lassen wir uns auch ihren Honig schmecken. Die Rinde hingegen kann für Pferde tatsächlich gefährlich sein, wenn sie daran knabbern. Wenn im Wald Beschäftigte das nicht tun, können sie gefahrlos mit der Robinie arbeiten...

Baum des Jahres: Ist die Robinie eine ernstzunehmende Alternative für die Forstwirtschaft in Deutschland?

Kätzel: Gut, eine Alternative für welche Baumart, für welchen Standort und zu welchem Zeitpunkt? Niemand kommt auf die Idee flächendeckend im Wald Robinien zu pflanzen. Hier geht es immer um Extremstandorte, wie z.B. den Süden Brandenburgs, wo wir ja tatsächlich viele Robinien im Wald vorfinden. Im Rest von Deutschland ist der Anteil an Robinie im Wald marginal. Die Forstverwaltungen haben derzeit auch keine Intention den Robinienanteil im Wald künstlich zu erhöhen. Auch das Angebot auf dem Baumschulmarkt ist bei uns derzeit gering. Man hat Robinia pseudoacacia im Hinterkopf, aber noch ziehen wir „den Joker“ nicht. Dort wo Birke, Kiefer und Aspe versagen, könnte die Robinie zukünftig eine Alternative sein. Dann wird die Baumart auch an Wertschätzung gewinnen. Wenn dieser Zeitpunkt gekommen sein wird, werden künftige Forstleute dankbar sein, auf einen Pool angepasster Bestände zurückgreifen zu können.

Also: Wenn es immer weniger überlebensfähige Baumarten gibt, ist die Robinie eine ernstzunehmend Alternative. Aber sie kann keine unserer Arten wie z.B. die Fichte ersetzen. Und auch die Robinie ist nicht unverwüstlich.

Baum des Jahres: Wenn Sie zusammenfassend ein Statement für den Baum des Jahres 2020abgeben müssten – wie würde das klingen?

Kätzel: Wenn wir es in der Rückschau betrachten, passt der Baum des Jahres 2020 perfekt in dieses Jahr. Die Robinie ist ein Baum mit hoher Anpassungsfähigkeit an extreme Standorte – und ihr Honig versüßt uns zudem das Leben. Im Oktober 2019 haben wir im Kuratorium (nach zwei extremen Trockenjahren und mit großer Sorgen vor den weiteren Auswirkungen des fortschreitenden Klimawandels) diese Art zum Baum des Jahres gewählt, ohne je zu ahnen, dass 2020 in vielerlei Hinsicht eine Extremjahr werden würde. Dieser Baum ist für mich zum Symbol geworden, denn er trägt eine Botschaft für Überlebensfähigkeit und Zähigkeit (im doppelten Sinn, wenn man die Elastizität des Holzes denkt) in schwierigen Zeiten. Das sollte uns optimistisch stimmen. Und wir sollten uns von dem Mythos verabschieden, dass wir den klimabedingten Standortwandel ausschließlich mit einheimischen Baumarten bewältigen können.

Dann – und damit schließt sich der Kreis meines Vortrages – ist die Robinie ein Segen.

 

Interview Baum des Jahres 2020 / Robinie 22.09.2020

Prof. Dr. Ralf Kätzel Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde

 

 

Deutsche Baumkönigin 2020

Charlotte Baumann
ist die Deutsche
Baumkönigin 2020