4) Kulturfolgerin

 

Nach der letzten Eiszeit breitete sich die Stechpalme aus ihrem südwestiberischen Refugium nordwärts aus - zunächst nur entlang der Atlantikküste, später – als das Klima deutlich wärmer wurde – auch ostwärts ins Inland hinein. Doch sie war kein wirklich häufig vorkommender Baum. Erst als der Mensch im Verlauf der Jungsteinzeit sesshaft zu werden begann und die dichte Waldlandschaft für seine Ansprüche mehr und mehr aufbrach, nahm ihre Häufigkeit deutlich zu. Einer der Gründe dafür ist, dass die Stechpalme nur an lichteren Standorten in den Wäldern auch blüht und fruchtet. Die Ausbreitung über Samen wird daher zugenommen haben. Entscheidender war aber wohl, dass nun auch zunehmend Vieh gehalten wurde. Und dieses Vieh – Ziegen, Schafe und Rinder – wurde zum Weiden in die Wälder getrieben, wo dann letztlich alles erreichbare Grün, und damit auch die nachwachsenden Waldbäume, abgeweidet wurde. Lediglich wehrhafte Gehölze wie der Wacholder oder die Stechpalme wurden verschont und konnten sich nun ohne konkurrierendes Unterholz und in immer lichteren Wäldern ungehindert und zu Bäumen heranwachsend ausbreiten.

Waldweiden, sogenannte Hudewälder, waren bis ins 18. Jahrhundert noch weit verbreitet. Sie wurden dann aber im Rahmen der großen Aufforstungsprogramme und neuer strikter Forstgesetze im Laufe des 19. Jahrhunderts stark zurückgedrängt. Die seitdem dichter gewordenen Wälder lassen die Stechpalme heute wieder oft nur zu einem eher strauchförmigen Gehölz heranwachsen. Doch noch immer gibt es auch eine ganze Reihe an ehemaligen Waldweiden, die an ihrem ungewöhnlich starken Vorkommen an auch hochgewachsenen Stechpalmen zu erkennen sind.

 

Eine für die Stechpalme durchaus bedrohliche Situation gab es aber Anfang des letzten Jahrhunderts – und die hat mit Weihnachten zu tun. Die dunkelgrünen und mit wunderschönen, roten Steinfrüchten besetzten Zweige der Stechpalme waren schon seit Jahrhunderten wie auch andere immergrüne Zweige gern gesehene Schmuckreiser - besonders zu Weihnachten, aber auch schon zu Allerseelen Anfang November, in der Adventszeit, zu Silvester und zum Palmsonntag Ende März, Anfang April. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen sie aber derart in Mode, dass ganze Wagenladungen in den Wäldern geerntet wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Stechpalmen-Schnittgrün sogar nicht mehr nur regional vertrieben, sondern auch per Eisenbahn in Regionen exportiert, in denen es keine wildwachsenden Stechpalmen gab. Dieser offensichtliche Raubbau führte zu immer lauter werdenden Protesten von Natur- und Landschaftsschützern. In den 1920er Jahren wurden erste lokale Verbote und dann auch regionale Schutzverordnungen erlassen. Ab 1935 dann steht die wildwachsende Stechpalme deutschlandweit unter besonderem Schutz – heute geregelt nach der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV). Sie darf weder kommerziell noch privat gepflückt, beschnitten oder ausgegraben werden.

Hier in Deutschland sind Stechpalmenzweige als Weihnachtsschmuck daher heute weitgehend verschwunden. Im Stechpalmenland Großbritannien dagegen, und mehr noch in Nordamerika, spielen sie aber immer noch eine prägende Rolle in der Weihnachtszeit. In den USA gibt es große Stechpalm-Plantagen („holly-farms“) allein zu diesem Zweck.

Vor 100 Jahren als Weihnachtsdekoration noch überaus beliebt - Foto: Rudolf Fenner

5) Holz der Stechpalme

... Harry-Potter-Fans werden es wissen: Harrys magischer Zauberstab bestand aus einem geschnitzten Ast einer Stechpalme... 

 

 

 

Text: Dr. Rudolf Fenner, Vertreter von ROBIN WOOD im Kuratorium Baum des Jahres

 

 

 

Deutscher Baumkönig 2021

Nikolaus Fröhlich
ist der Deutsche
Baumkönig 2021